Marcel Reich-Ranicki

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Marcel Reich-Ranicki
© Frankfurter Allgemeine Zeitung

Marcel Reich-Ranicki ist der wichtigste und einflussreichste deutsche Literaturkritiker. Manche nennen ihn sogar den „Literaturpapst“. Viele, vor allem Schriftseller, fürchten ihn, andere bewundern ihn dafür umso mehr. Unbestritten hat er die Literaturkritik zu einem gesellschaftlichen Ereignis gemacht, das Millionen Leser und Fernsehzuschauer in seinen Bann zog.

Jugend während der NS-Zeit

Der am 2. Juni 1920 in Włocławek geborene Reich-Ranicki stammt aus einer deutsch-polnischen Familie. Nachdem die Firma seines Vaters Konkurs angemeldet hatte, ging er 1929 nach Berlin, wo er nach 1933 die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten am eigenen Leib erlebte. 1938 konnte er zwar noch unter schwierigen Bedingungen sein Abitur machen, aber das Studium blieb ihm untersagt. Er wurde nach Polen abgeschoben und Ende 1940 im Warschauer Ghetto interniert. Der Deportation konnten er und seine Frau Tosia entgehen. Seine Eltern und sein Bruder wurden ermordet. Nach der Befreiung arbeitete er unter anderem für den polnischen Geheimdienst und als Lektor für deutsche Literatur in Warschau, geriet aber in Konflikt mit dem kommunistischen Regime und siedelte 1958 in die Bundesrepublik über.

Auf der Suche nach Publikationsmöglichkeiten reiste er nach Frankfurt zur FAZ und bot seine Dienste als Rezensent an. Er durfte das neueste Buch von Arnold Zweig besprechen und acht weitere Rezensionen schreiben, bevor sich die Wege wieder trennten. Denn Reich-Ranicki arbeitete unterdessen auch für die Welt, und das behagte der FAZ nicht. Von 1960 bis 1973 war er Literaturkritiker der ZEIT, dann holte ihn der neue Feuilletonherausgeber der FAZ Joachim C. Fest als Leiter des Literaturblatts nach Frankfurt. In dieser Funktion, die er bis zu seiner Pensionierung 1988 ausübte, und als Moderator des Literarischen Quartetts im ZDF (von 1988 bis 2001) war Reich-Ranicki ein Medienstar, der mit seinen pointierten und meinungsfreudigen Rezensionen Bestseller machen und Bücher zu Misserfolgen führen konnte.

Streitbarer Kritiker bis ins hohe Alter

Reich-Ranickis zunächst sehr gutes Verhältnis zu Fest wurde 1986 nachhaltig getrübt, als der Herausgeber einen Vortrag abdruckte, den der Historiker Ernst Nolte bei den renommierten Frankfurter Römerberggesprächen nicht halten durfte. Nolte hatte darin die Einzigartigkeit des Holocaust bestritten und den deutschen Massenmord an den Juden als Kopie der bolschewistischen Schreckensherrschaft dargestellt. „Manche Redakteure der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zeigten sich irritiert, manche entsetzt“, erinnert sich Marcel Reich-Ranicki in seiner 1999 veröffentlichten Autobiographie Mein Leben. Die Antwort auf Noltes krude Thesen kam von Jürgen Habermas. Sie erschien allerdings nicht in der FAZ, sondern in der ZEIT. In seiner Autobiographie beschreibt er auch, wie ihn die umstrittene Friedenspreisrede von Martin Walser getroffen und verletzt hatte – „nicht zuletzt deshalb, weil sie von einem Schriftsteller verfasst wurde, dessen Werk ich seit 1957 kommentierend begleite“.

2002 geriet er dann selbst in den Fokus einer Polemik von Martin Walser. Der Schriftsteller übergab der FAZ die Druckfahnen seines neuesten Romans Tod eines Kritikers mit der Bitte um Vorabdruck. Frank Schirrmacher, seit 1994 Nachfolger von Joachim C. Fest als Feuilletonherausgeber (und vorher Nachfolger von Reich-Ranicki als Literaturchef), antwortete Walser in einem offenen Brief und lehnte den Vorabdruck ab, weil das Buch ein „Dokument des Hasses“, „eine „Exekution“, eine „Abrechnung“ mit Marcel Reich-Ranicki sei. Auch im Suhrkamp Verlag, wo der Roman schließlich erschien, sorgte das Buch für Turbulenzen. Marcel Reich-Ranicki, der im hohen Alter noch einen breit angelegten Kanon der deutschen Literatur zusammenstellte und herausgab, ist ein streitbarer Kritiker geblieben. 2008 sorgte er bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises für einen Eklat, als er aus Protest gegen die Programmpolitik der öffentlich-rechtlichen und privaten Anbieter den Preis für sein Lebenswerk ablehnte. 2012 hielt er am Holocaust-Gedenktag die Rede im Deutschen Bundestag.