Helga Rübsamen-Schaeff

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Helga Rübsamen-Schaeff
© AiCuris GmbH & Co. KG

Für Helga Rübsamen war es eine Auszeichnung, als sie 1982 zur Leiterin der Abteilung Immuntherapie an das Frankfurter Georg-Speyer-Haus berufen wurde. Denn dort hatte der Chemie-Nobelpreisträger Paul Ehrlich gewirkt und mit ‚Salvarsan‘ das erste Medikament gegen Syphilis entwickelt. Seither gilt Ehrlich als Begründer der Chemotherapie. Seit dieser Zeit hatte das einstmals berühmte Institut allerdings erheblich an Glanz verloren und wurde nach dem Krieg zusammen mit dem Paul-Ehrlich-Institut geführt. Als es 1986 in die Selbstständigkeit entlassen wurde, betrug der Jahresetat schmale 20.000 Mark, und in dem renovierungsbedürftigen Gebäude von 1910 gab es nur drei feste Mitarbeiter. Helga Rübsamen-Waigmann, wie sie seit ihrer Heirat hieß, ließ sich davon nicht entmutigen. Ganz im Gegenteil: Die Ausgangssituation war zwar desolat, aber sie hatte die ersten deutschen HIV-Stämme in ihrem Labor. Als anerkannte Virologin brachte sie einen langen Atem und das nötige Durch­setzungsvermögen mit, das sie nun benötigte.

Wird wird aus einer normalen Zelle eine Krebszelle?

Helga Rübsamen-Schaeff (so ihr Name in zweiter Ehe) stammt aus dem oberfränkischen Münchberg und studierte in Münster Chemie. Schon vor ihrer Promotion, mit der sie 1973 ihr Studium abschloss, hatte sie eines ihrer Berufsziele definiert: „Ich will wissen, wie aus einer normalen Zelle eine Krebszelle wird.“ Als Postdoktorandin und Forschungsassistentin erarbeitete sie sich die Grundlagen der Biochemie und Virologie an der Universität in Münster, an der amerikanischen Cornell University in Ithaca und an der Gießener Universität. Nach ihrer Habilitation war sie in den Jahren 1983 und 1985 Gastwissenschaftlerin an der Harvard University in Cambridge und eine unterdessen anerkannte Expertin für Zellbiologie und Virologie. Ihr Schwerpunkt lag dabei in der Krebsforschung, auf Viren, die eine normale Zelle in eine Krebszelle umwandeln können. Sie hätte in den USA bleiben können, aber es drängte sie nach Deutschland zurückzukehren, an das Georg-Speyer-Haus, wo mit der Forschung über die Ursachen für AIDS eine große Herausforderung auf sie wartete.

Rübsamen-Schaeff fand mehrere Varianten der HIV-Virustypen

In einem Beitrag für den Hessischen Rundfunk berichtete sie später: „Als wir 1985 die ersten AIDS-Viren aus deutschen Patienten gewonnen hatten und sahen, dass sie alle unterschiedlich waren, wurde mir klar: ‚Das Hauptproblem bei AIDS ist die große Wandlungsfähigkeit des Erregers. Wir werden mehr als ein Diagnostikum, mehr als ein Therapeutikum brauchen und einen schützenden Impfstoff zu machen, wird sehr schwer sein.‘ Damals hielten die Gutachter diese Erkenntnis für Phantasie. Der Etat des Instituts wurde durch die Trennung vom Paul-Ehrlich-Institut 1986 so drastisch gekürzt, dass wir schon im März alles ausgegeben hatten. In dieser Situation kam wieder Hilfe von privater Seite: Ein HIV-Infizierter spendete Geld für unsere Forschung.“ So konnten die wertvollen AIDS-Kulturen erhalten werden und Helga Rübsamen-Schaeff gelang es, erstmals in Deutschland mehrere Varianten der HIV-Virustypen zu finden und zu charakterisieren. Nun sprudelten die Forschungsgelder. Es wurden Tests gegen das Virus entwickelt und nach Ansätzen für Medikamente gesucht. 1987 wurde sie Direktorin des Georg-Speyer-Hauses und ein Jahr später Professorin für Biochemie und Virologie mit dem Schwerpunkt Krebsforschung an der Frankfurter Universität. Als sie 1993 ihr Institut verließ, arbeiteten dort fast einhundert technische Assistenten und Wissenschaftler. Ihr Jahresbudget von acht Millionen Mark stammte zum Teil aus Lizenzeinnahmen von der Pharmaindustrie, zum Teil aus Kooperationsverträgen und zum Teil aus öffentlichen Förderungen.

Industrielle Nutzung der universitären Forschung

Helga Rübsamen-Schaeff wird nicht müde, eine engere Kooperation zwischen universitärer Forschung und industrieller Nutzung, zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, zu fordern. Wie ihr Vorbild Paul Ehrlich hat sie kaum Berührungsängste. 1994 wechselte sie als Leiterin der Virusforschung zur Bayer AG, wo sie 2001 die Gesamtleitung der Anti-Infektiva-Forschung übernahm. Als Bayer seine Pharmaforschung neu ausrichtete und sich von der Anti-Infektiva-Sparte trennen wollte, wurde aus der Wissenschaftlerin und Managerin die Unternehmerin. In der von ihr 2006 mitgegründeten Wuppertaler AiCuris GmbH & Co KG, die sie als Geschäftsführerin leitet, werden innovative Wirkstoffe gegen Virus-Infektionen bei Transplantationen, gegen Herpes, Hepatitis und gegen multiresistente Bakterien ent­wickelt. Auch HIV-Wirkstoffe zählen zur Pipeline des Unternehmens.
Bereits 2004 war sie zur Managerin des Jahres gewählt geworden. Damals sagte sie über ihr Erfolgsrezept: „Ich bin immer meinen Neigungen gefolgt, war aber auch bereit, hart zu arbeiten und ungewöhnliche Wege zu gehen.“