70 Jahre Hessen

1955 bis 1964

Plakat der ersten documenta in Kassel 1955
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Plakat der ersten documenta in Kassel 1955
© documenta Archiv

Hessen entwickelte sich zu einem der wirtschaftsstärksten Länder in Deutschland. Damit verbunden war jedoch auch ein großer Mangel an Arbeitskräften. Ab April 1955 fuhr jeden zweiten Wochentag ein Sonderzug von Mailand nach Frankfurt. Er brachte Dutzende von italienischen Reisenden, die nach Deutschland kamen, um Arbeit zu finden und den Arbeitskräftemangel auszugleichen. Am 15. Juli im gleichen Jahr fand zum ersten Mal die documenta in Kassel statt. Durch den großen Erfolg, den die erste Ausstellung verzeichnen konnte, wurde eine Wiederholung vier Jahre später anvisiert und somit der Ausstellungszyklus installiert. Heute gilt die documenta als weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst.

Als Grenzland im Kalten Krieg entwickelte sich Hessen als bedeutender Militärstandort vor allem für die Amerikaner. Die Gedenkstätte Point Alpha an der hessisch-thüringischen Grenze zeugt heute noch von dem Konflikt. Hier standen sich US-amerikanische Soldaten und die Truppen des Warschauer Pakts Jahrzehnte Auge in Auge gegenüber.

Hessens Wirtschaft boomt und Frankfurt entwickelt sich zur deutschen Finanzmetropole

Neben dem Arbeitskräftemangel, den man durch Gastarbeiter auszugleichen versucht hatte, gab es weitere Auswirkungen der boomenden Wirtschaft in Hessen: seit 1957 ist das Land „Geberland“ im Länderfinanzausgleich. In diesen Jahren entwickelte sich Frankfurt am Main zur deutschen Finanzmetropole, der Flughafen Frankfurt wurde zum wichtigsten Flugplatz in Deutschland. Die Entwicklung Frankfurts zum führenden Finanz- und Börsenplatz in Deutschland wurde weiter gestärkt, als am 26. Juli 1957 die Landeszentralbanken mit der Bank deutscher Länder zur Deutschen Bundesbank mit Sitz in der Mainmetropole verschmolzen wurden.

Als am 1. Oktober 1958 der „King of Rock ’n’ Roll“ Elvis Presley seinen Wehrdienst bei der amerikanischen Armee in der Wetterau antrat, belagerten Tausende Fans die Kaserne. Während der knapp anderthalb Jahre, die er in Hessen verbrachte, lernt er seine spätere Ehefrau Priscilla Beaulieu in Bad Nauheim kennen.

Auch Hessen beschäftigte sich mit der Aufarbeitung seiner nationalsozialistischen Vergangenheit. Die Ahndung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen wurde ab 1959 vorwiegend von dem Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer vorangetrieben. Er brachte die NS-Verbrechen ab 1959 vor Gericht. Der Höhepunkt von Bauers Aktivitäten war der Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965.

Eröffnung des ersten Hessentages in Alsfeld

Im Sommer 1961 wurde das große Landesfest der Hessen von Ministerpräsident Georg-August Zinn ins Leben gerufen: vom 30. Juni bis 3. Juli fand der erste Hessentag in Alsfeld statt. „Hesse ist, wer Hesse sein will“ – unter diesem Motto war das Ziel des Hessenfestes, die Menschen zusammenzuführen, Flüchtlinge und Heimatvertriebene zu integrieren und mit alteingesessenen Hessen  zu verbinden. Außerdem sollte das Brauchtum präsentiert werden. Über die folgenden Jahre entwickelt sich der Hessentag zu einem Besuchermagnet. Mittlerweile dauert er zehn Tage und präsentiert in zahlreichen Veranstaltungen das Land Hessen in unterschiedlichsten Facetten.

Bei der Landtagswahl 1962 erhielt die SPD die absolute Mehrheit. In der kommenden Legislaturperiode legt Ministerpräsident Zinn den „Großen Hessenplan“ vor, ein auf die Gesamtbevölkerung ausgelegtes Investitionsprogramm für Soziales und Infrastruktur in Höhe von über 33 Milliarden D-Mark, welches für die Dauer von zehn Jahren geplant war. Die schwerpunktmäßige Förderung lag dabei auf dem ländlichen Raum. Am 25. Juni 1963 war Hessen Gastgeber für den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. Während seiner Deutschlandreise besuchte das US-Regierungsoberhaupt neben dem US-Militärstandort Langendiebach, dem heutigen Erlensee, auch Frankfurt und Wiesbaden. Vizekanzler Ludwig Erhard, Ministerpräsident Georg-August Zinn und über 600 Journalisten begleiteten den Präsidenten, als er auf dem Römerberg eintraf. Tausende Menschen bejubelten Kennedy während seiner Rede. Im Wiesbadener Kurhaus lud der Ministerpräsident zu einem Staatsempfang. Fast die gesamte Wiesbadener Bevölkerung erwartete die Ankunft des Präsidenten auf dem Bowling Green vor dem Kurhaus.